Monthly Archives: Dezember 2015

Lerncoaching

Ich habe mich von meinen bisherigen Themen mit dem letzten Eintrag (Olympia2024 fällt aus) offenkundig weg bewegt – allerdings hat mich das Thema auch sehr bewegt!

Nun aber zurück zum Coaching.Seit einiger Zeit coache/betreue ich ein Schulkind direkt an der Schule. Es handelt sich um die sog. Schulbegleitung. Diese Schulbegleitung beantragen Lehrerinnen/Lehrer für Schülerinnen bzw. Schüler, für die der alltägliche Schulbesuch :

  • nicht gewährleistet ist;
  • häufig am Tag früher beendet wird, als planmäßig vorgesehen –
    z.B. durch verschiedene Verhaltensweisen wie Regelverstöße aller Art;
  • durch verschüttete Ressourcen eine Qual ist, durch die sie nicht lernen können, sondern sich destruktiv verhalten
  • von den Erziehungsberechtigten und den Lehrerinnen und Lehrern nicht verlässlich gewährleistet werden kann. (Letztere müssen sich auch noch um viele anderen Kinder kümmern; erstere haben teilweise z.B. selber Probleme mit der Verlässlichkeit).
    Dies sind nur ein paar Aspekte einer komplexen Sachlage. In den folgenden Berichten wird exemplarisch deutlich um was es u.a. geht und wie ich als Schulbegleiter für das jeweilige Kind agiere.

Ich begleite L. Das ist ein – wie man so schön sagt – aufgewecktes Kind von 10 Jahren; schnell in seiner Auffassung, kooperativ, kann aber durchaus eine Gruppe domieren, ist manchmal schüchtern und in sich gekehrt, manchmal sehr aktiv, und mobil, neugierig, beliebt. – Das ist die eine Seite… .
Ich erlebe es (ich verwende die neutrale Form, um Anonymität zu gewährleisten) aber auch vollkommen „verwandelt“: aggressiv allen und allem gegenüber, tobend, verweigernd, fast „rasend“, spuckend. Es haut ab, auch wenn gesagt wird, alle bleiben hier; die Konzentration für eine Schulaufgabe reicht in guten Zeiten für max. 10 Minuten, in schlechten kommt nichts zustande. Die Tendenz geht leider noch zu den schlechten Zeiten.

Als ich L. am ersten Tag begrüßte, kroch es in den Mantel der Mutter und nölte: Den will ich nicht! Ok, damit hatte ich gerechnet – wer will schon einen dauerhaften Begleiter in der Klasse und auf dem Schulhof? Ich hielt freundlich Abstand und es brauchte zwei Wochen mit je drei Tagen, an denen ich immer einige Stunden in der Schule war, bis ein wenig Vertrauen entstanden war.

Doch was passierte noch in den zwei Wochen?  Die Klasse besteht aus 7 Kindern, 6 jungen, ein Mädchen. Alle ! sind in unterschiedlicher Intensität hoch empfindlich, „müssen“ sich permanent gegen Konkurrenz (incl. der Lehrkraft) verteidigen. Gleichzeitig ist permanent das Bedürfnis nach Freundschaft. Drei der Jungen spielen miteinander und streiten miteinander – eigentlich ganz normal…allerdings ist der Streit i.d.R. sehr laut und verbal so beleidigend, dass es ziemlich schnell zur Androhung körperlicher Gewalt kommt, wozu dann ältere Brüder, Onkels, Väter etc. in`s Spiel gebracht werden, die nach der Schule die Mitschüler „töten“ werden. In den Unterrichtsstunden geht es ähnlich zu und die Versuche, Konflikte zu besprechen und zu klären gehen meistens im durcheinander Schreien, weiteren Bedrohungen und lügenhaften Schutzbehauptungen unter.

So weit eine Eineitung. In diesem Rahmen der Ereignisse geht es beim Lerncoaching/bei meinem Verständnis von Schulbegleitung: Ich arbeite für das jeweilige Kind mit dem Kind. Ein Ziel – von mir benannt und sicher im Kontext Schule auch sinnvoll – ist: Die Ressourcen des Kindes (hervor)zufördern bzw. zu stärken. Ressourcen, die für eine konstruktive, erfolgreiche Entwicklung in der Schule förderlich sind.

In einigen folgenden Episoden werde ich berichten, was passiert.

Es ist viel passiert – ich habe in eine Welt Einblick erhalten, die mir bisher ziemlich fremd, unbekannt war. Ich hatte zu tun mit Kindern, die zwar auch spielen, sich unterhalten – aber die sich vornehmlich bekämpfen. Tja, auf dem Schulhof, war eine permanent latente oder sogar offene Aggressivität, es gab an jedem Tag, an dem ich dort war einen mehr oder weniger heftigen Streit, der immer durch die Lehrerinnen bzw. Lehrer beruhigt werden musste. In der Klasse, in der das von mir zu begleitende Kind war bzw. ist, gab es eigentlich Unterricht nur in sehr geringem Maße. Meistens stritten sich zwei oder drei und die anderen wurden von der Dynamik angesteckt und machten dann auch mit – die Lehrkraft hatte sehr große Mühe die Kinder zu beruhigen. UND DAS LAG NICHT AN DER LEHRKRAFT! Die Kinder sind es nicht gewohnt, Anordnungen zu folgen, im Gegenteil, ich machte die Beobachtung, dass sie sich geradezu herausgefordert fühlten, erst recht dann destruktiv weiter zu machen. (Hin und wieder hatte ich die Phantasie von einer Gummizelle, in der sie sich bedingungslos bis zur körperlichen Erschöpfung ausraufen und austoben könnten.)

A propos Anordnung: Auf den Hinweis, die Jacke dort hin zu hängen, wo sie hin gehört und dann die blaue Mappe zu nehmen, kam die typische Reaktion eines 10 Jährigen: Halt die Fresse; ein weiterer lachte und sagte zur Lehrerin: du hast keine Ahnung, mach doch selber. Dazu brüllte ein Mädchen einen anderen Jungen an: Ich bring dich um, worauf der angebrüllte zu ihr lief und sie schlagen wollte, was ich durch Festhalten des Jungen verhinderte, worauf er schrie: Lass mich los, du Vogelfresse, ich zeig dich an!

Fortsetzung folgt.

Ich stutzte – rauhe Töne kannte ich aus meiner Jugend, unter Jugendlichen , auch unter Erwachsenen. Dies war für mich etwas Neues. Nach kurzem Stutzen, kam von mir: Halt die Klappe, selber Vogelfresse. Kurze Zeit verstummte mein zu Betreuender und auch die anderen Kinder waren von ihrem gegenseitigen Bepöbeln kurz abgelenkt. Ich war stinkesauer und hatte auf einmal keine Lust mehr mich mit diesem Milieu weiter zu beschäftigen; ich wäre gern auf der Stelle gegangen, nicht ohne jedem der Unverschämten einen an die Backe zu hauen – nun gut Pädagogik geht anders, auch bzw. gerade Sonderpädagogik. Ich „schluckte“ meine Wut, die Lehrkraft erhob die Stimme, man war ruhig, bis einer wieder anfing Geräusche abzusondern, von denen ein anderer brüllend behauptete: S. hat geforzt, worauf das gruselige Getöse wieder begann. L. war dann auf einmal ganz ruhig und schien erschöpft; ich machte den Versuch ihn zu einem Gespräch oder Spaziergang zu bewegen, jedenfalls außerhalb des Klassenraumes zu sein. L. reagierte nicht, murmelte nur kaum hörbar: Lass mich und versteckte den Kopf so gut es ging zwischen/unter den Armen. Parallel dazu hatte ein anderes Kind  einen Monolog  begonnen: Das is doch eine scheißschule, die Lehrer sind voll scheiße, habn keine Ahnung, Frau X , Sie sind doch blind usw.

Einige Zeit ist vergangen; das Blog (zumindest mein Teil) lag unbeachtet rum. Von den o.g. Fällen hatte ich gründlich genug – um nicht zu sagen die Schnauze voll. Ich habe meinen Vertrag gekündigt und mich verabschiedet. Allerdings habe ich dem Schulleiter eine umfassende Begründung hinsichtlich der – gelinde gesagt – nicht förderlichen Bedingungen in der geschilderten Gruppe gegeben. Ich nehme an, dass sich die Schülerin und die Schüler spätestens dann beruhigen werden, wenn sie nicht mehr die Jüngsten in der Gemeinschaft sind.

Ich mache nun wieder ausschließlich Einzelcoaching mit Schülerinnen bzw. Schülern (SuS) und das ist für Coach und Coachees eine gelingende Angelegenheit. Mir sagte neulich ein ehemaliger Schulleiter, dass Lerncoaching DIE sinnvolle Unterstützung für Schülerinnen und Schüler sei – mein Reden seit langem. Der Komplexität des Schulalltags können sicher viele SuS (mehr oder weniger) entsprechen, jedoch zeigen Ergebnisse von Lehrercoaching, dass Lehrerinnen und Lehrer mit dem aus dem Coaching gewonnenen Erkenntnissen die Kinder und Jugendlichen weitaus förderlicher unterrichten als andere. Allerdings bedeutet das Unterrichten NACH Erfahrung mit dem Coaching auch eine Veränderung der schulischen Gegebenheiten.

Ein Lehrer erzählte mir von seinen Klassen an einer Stadtteilschule in Hamburg, in denen Schüler säßen, die sich nur schwer im üblichen traditionellen Unterricht angepasst verhalten könnten. Er und KollegInnen  hätten sich ein vollkommen verändertes Verhalten ihrerseits verschrieben:

Sie begrüßten z.B. die SuS zu Beginn der Stunde persönlich und wechselten kleine Begrüßungssätzchen, die sie sich vorher – für jede/n SuS überlegt hätten. Nach einigen Irritationen, die bei den SuS durch Verwunderung über dieses Verhalten ausgelöst worden wären, was aber von Beginn an auf Zustimmung gestoßen sei, habe sich dieses Ritual zur gegenseitigen Würdigung / Wertschätzung entwickelt, was nicht nur die folgende Unterrichtsstunde, sondern  die Gesamtstimmung im Kontakt SuS und Leher postiv beeinflusst habe.

Regelverletzungen seine weniger geworden, Klärungen von Regelverstößen seien wesentlich entspannter und verständnisvoller (im Sinne von verstehen/einsehen des eigenen Fehlverhaltens und der Notwendigkeit der Sanktionierung durch den Lehrer) verlaufen.

 

 

Pause

Es ist Ferienzeit, in den Tagen bis zum letzten Schultag, hörte ich bei einigen KIndern, die ein Lerncoaching machen, was es Neues auf dem Technologiemarkt gibt und unter dem Weihnachtsbaum landen soll. Bei den 10Jährigen steht PS4 an der Spitze, aber, wenn ein Mitschüler noch einen neuen Computer bestimmt bekommt, bekommen die anderen auch einen zusätzlich zur PS4. Dazu selbstredend diverse Spiele, die meisten nicht für diese Altersgruppe zugelassen. Ich mache mir etwas vor, wenn ich denke, dass die Jugendschutzregeln eingehalten werden. Im Computerkurs switchen die Kinder zwischen Billard für Kinder und Schießspielen hin und her und stellen dann beleidigt großspurig fest, dass die Schießspiele Scheißspiele seien, weil langweilig, aber für den Unterricht würds gehen. Nun denn die Ferienpause dauert zwei Wochen, ab 24.12. wird wieder aufgrüstet.  Und ab 4.1.16 ist wieder ordentlich Schule… .

Olympia2024 fällt aus

Die große Koalition aus PolitikerInnen, Wirtschaftsmenschen, Sportlern, vielen Hamburger Medien und Sportlerinnen sowie einigen „Lokalgrößen“ des hamburgischen Tourismus versank am Abend des 29.11.15 kollektiv in Trauer, Frust und Wut. Ausgelöst hatten diesen emotionalen Tsunami 21000 Mehrheitsstimmen gegen die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele 2024.
Nun ja, ich will mich nicht lustig machen über Enttäuschung und die Enttäuschten – täte ich das, zahlte ich nur mit der gleichen Münze zurück.
Denn einige viele der Unterlegegnen ließen kein gutes Haar an den Ablehnnerinnen und Ablehnern. In der Tendenz sagten die Kommentare Hamburg eine düstere Zukunft für den Sport, für den Tourismus, für die Stadtentwicklung voraus und die AblehnerInnen galten als Spaßbremsen, Provinzler u..ä.m. .
Diese Bewertung der Menschen und deren Argumente für die Ablehnung zeigt nochmals, dass es richtig war abzulehnen. Ein Riesenereignis zum Motor für Stadtentwicklung zu konstruieren bedeutet ja, dass dieStraßen z.B.in Lurup, die Fahrradwege in Allermöhe, der Naturschutz in Harburg, der Ausbau der Öffentlichen Verkehrsmittel in Volksdorf oder Billstedt zugunsten der Olympischen Infrastruktur ein „bißchen“ warten müssen und eben nur die Interessen der an Olympia materiell wie immateriell Beteilgten „bedient“ werden.
Alle sollten anerkennen, dass es sich um eine sachgerechte Auseinandersetzung gehandelt hat, deren Inhalte – in diesem Falle gegen die Bewerbung – mehrheitsfähig waren. Nicht mehr und nicht weniger.
Hamburg bleibt der lebenswerte Stadtstaat und da Lebensqualität immer noch gesteigert werden kann, wird das auch in der Zukunft geschehen – in Lurup, in Allermöhe, in Harburg, in Volksdorf und Billstedt usw. . Und auch auf dem „Kleinen Grasbrook“ … !

 

Hilfe! Weihnachten naht!

Weihnachten – das Fest der Liebe! Oder vielleicht auch in manchen Fällen: das Fest der Hiebe?
Bei keinem anderen Fest des Jahres gibt es eine so hohe Erwartung an Harmonie: Frieden auf Erden – aber ganz besonders in der Familie. Die Kinder haben Ferien, die Verwandten hohe Erwartungen: keiner soll allein und unberücksichtigt bleiben. Die Geschenke müssen stimmen und – vor allem – auch rechtzeitig da sein. Das Gefühl, große Verpflichtungen zu haben und der Wunsch, es möglichst allen recht zu machen ist weit verbreitet.
Kein Wunder, dass es manchen Menschen ein bisschen graut vor dieser Zeit! Was können wir tun, um Entlastung zu schaffen? Wie können wir Nischen für uns finden, in der wir zur Besinnung kommen?
Eine wichtige Maxime könnte sein: setzen Sie sich mit Ihren Liebsten zusammen und überlegen Sie gemeinsam: was möchten wir dies Jahr anders machen als in den vorigen? Wann und wie kann jeder auch an sich denken und Pause machen? Welche vermeintlich unvermeidlichen Pflichten könnten wir vielleicht doch mal infrage stellen? Wichtig ist dabei: machen Sie das rechtzeitig – bevor Sie das Geschehen überrollt und Sie keinen Einfluss mehr darauf haben!