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Schlechte Vorzeichen

Einige Paare und ihre Interaktion lassen mich mal wieder an die „vier apokalyptischen Reiter“ denken, die ich bei John M. Gottman kennengelernt habe. Gottmans Buch heisst : Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe von 1999 und ist immer noch empfehlenswert. Aber er hat auch ein Kapitel geschrieben, in dem es darum geht, warum es eben nicht funktioniert bei der Konfliktlösung in der Beziehung.

Er traut sich nach intensiven Forschungen über das Paarverhalten zu, innerhalb von 15 Minuten voraussagen zu können, ob sich ein Paar trennen wird. Naja – das klingt ja typisch amerkanisch, ein bisschen größenwahnsinnig., dachte ich. Aber schauen wir genauer hin:

Anzeichen einer schlechten Prognose sind 1. ein „grober Auftakt“ bei einem Konfliktgespräch. Anklagen, Vorwürfe etc sind ein negativer Start und werden voraussichtlich auch zu einem negativen Ende führen.


Das 2. Anzeichen sind die „vier apokalyptischen Reiter“:

Kritik im Sinne generalisierter Vorwürfe und Anklagen statt Beschwerden, die sich auf eine konkrete Ursache beziehen. V

Verachtung ausgedrückt mit Zynismus, abfälligen Bemerkungen, Augenrollen etc.

Dritter apokalyptischer Reiter sind Rechtfertigungen als Antwort auf eine Klage, statt sich auf den Vorwurf/die Beschwerde o.a. zu beziehen.

4. Reiter ist Mauern, d.h., der oder die Angegriffene zieht sich schweigend zurück und lässt den Partner auflaufen. Das ist eine mächtige Waffe, weil der angreifende Partner nichts dagegen machen kann.

Alle diese negativen Verhaltensweisen legen die Partner.innen nicht unbedingt aus Bosheit an den Tag, sondern oft aus Hilflosigkeit, weil sie nicht wissen, wie sie aus den Teufelskreisen, die ihnen zu schaffen machen, rauskommen können. Doch wenn die Beziehung erst einmal bei diesem Waffenlager angekommen ist, dann stehen die Chancen schlecht, wieder in ein positives Fahrwasser zu kommen.

Eine Folge von zuviel Attacke und Vorwürfen sowie negativem Gedankenlesen („Ich weiss genau, wie du so denkst und warum du das machst…!“) ist beim Partner die Überflutung: wenn die Negativität der Kommunikation zunimmt, die Partner.in schreit und Vorwürfe wie Gewehrsalven abschiesst, dann wird der/die andere Person unfähig, damit umzugehen, das Gehirn ist leer und sie /er verstummt. Das führt bei beiden zu körperlichen Reaktionen auf diese Stresssituationen: Herzklopfen, Ausstoß von Adrenalin, Fluchtimpulse usw. Wenn es so weit kommt ist das Paar unfähig, einander noch zuzuhören und/oder nach kreativen Lösungen zu suchen. Wenn dies zur Regel wird, dann sehen die gemeinsamen Aussichten schlecht aus.

Das heisst also für die Zukunft: Runterfahren, Pause machen, entspannen…… den Teufelskreis erkennen und lernen, rechtzeitig auszusteigen. Keinesfalls mit Gewalt eine Lösung erzwingen, denn in diesem Zustand gibt es keine Lösungen. Es gilt die Regel: wenn einer der beiden aussteigen will muss der andere das unbedingt akzeptieren, nicht hinterher rennen und weiter machen wollen. Der „Aussteiger“ hat dann allerdings die Verantwortung, wieder „einzusteigen“, d.h. ein Angebot zu machen, wann und wie weiter über das strittige Thema gesprochen werden kann. In der Hoffnung, dass es mit gutem Willen dann besser laufen kann……….

Angebot während der Corona-Zeit

Ja – der Mensch wird erfinderisch, wenn es sein muss! Inzwischen habe ich bereits einige Paarberatungen mittels Videokonferenz durchgeführt mit den KlientInnen, die sich darauf einlassen mögen. Es geht besser als ich befürchtet hatte. Die bisherigen Rückmeldungen sind auch positiv. Ein weiterer Vorteil: es gibt keine so enge Zeitbindung mehr. Es können individuell passende Zeiten abgesprochen werden – anders als im Praxisraum, der ausschließlich freitags zur Verfügung steht.
Einige Dinge müssen natürlich besprochen werden: gelingt es, dass die Kinder in dieser Zeit nicht unterbrechen? Das hängt unter anderem vom Alter der Kinder ab. Auch sonstige Störungen sollten so weit möglich ausgeschlossen sein. KlientInnen müssen mehr für sich selbst sorgen und ansprechen, wenn sie sich nicht wohl fühlen – da im Monitor nicht der ganze Mensch zu sehen ist. Es ist möglich, Pausen zu machen.

Nicht alle Arbeitsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, wie z.B. die Nutzung des Familienbretts – aber ich denke, mit zunehmender Erfahrung wird man kreativer.
Ein wichtiger Punkt ist die Datensicherheit. Bisher arbeite ich mit Zoom. Dazu gibt es auch Kritik ebenso wie zu Facetime und anderen. Ich bin weiter auf der Suche nach Plattformen mit ausreichender Sicherheit. Alle Beteiligten sollten sich überlegen, ob sie sich unter diesen Bedingungen auf das Experiment einlassen können und wollen. Es kann gerne erst mal eine Probe-Viertelstunde vereinbart werden, die kostenlos ist – um zu erproben, ob die Beteiligten sich anfreunden könnten mit der Methode.

Herbstgedanken

Der lange, heiße und trockene Sommer ist vorüber. Die einen sind traurig darüber und denken: Endlich mal richtig warm und sonnig; gut für die Seele! Die anderen sorgen sich eher um die Klimaveränderungen und den Stress, den die Dauerhitze für Pflanzen und Tiere bedeutet hat. Beides hat ja seine Richtigkeit. Jetzt jedenfalls kommt die Jahreszeit, in der wir wieder viel Zeit in Haus bzw Wohnung zubringen werden und wir der dort vorherrschenden Atmosphäre weniger gut ausweichen können: dicke Luft? Oha! Da hilft keine Flucht, da hilft nur: den Stier bei den Hörnern packen und das Gespräch suchen. Wo liegt etwas im Argen? Wo muss etwas geklärt werden? Wo sind wir uns fremd geworden? Was brauchst du jetzt? Was brauch ich jetzt? Wann nehmen wir uns Zeit dafür? Hoffentlich haben wir nicht allzu lange aufgeschoben, was mal gesagt werden müsste…… Das macht den Einstieg schwerer. Was sind dabei bewährte „Hausmittel“, die helfen können? Zu den guten Rezepten gehört die richtige Ansprache: d.h., es ist wichtig, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen sondern einen günstigen Zeitpunkt zu finden. Es ist oft auch nützlich, vorher anzukündigen, dass es etwas zu besprechen gibt und Ort und Zeit zu vereinbaren. Wahrscheinlich haben alle Beteiligten schon Erfahrungen gemacht damit, was gut ankommt und womit mehr Ärger als nötig erzeugt wird. Bei schwierigen Themen kann es sein, dass nicht gleich eine Lösung gefunden wird oder sich schon viel Frust angesammelt hat. Dann kann es gut sein, das Gespräch nicht allzu lang auszudehnen. Lieber einen Punkt machen und erst mal verdauen. Dann zu einem anderen Zeitpunkt weiter reden. Manche möchten gerne unbedingt abends versöhnt ins Bett gehen können. Was aber, wenn das einfach nicht möglich ist z.B. weil Versöhnung nicht so einfach ist? Dafür kenne ich auch kein Patentrezept. Manchmal hilft es, sich dann erst mal auf sich selbst zurückzuziehen und die Wunden zu lecken. Oder auch mit jemand zu reden, der zuhört ohne gleich die ultimativen Tipps zu geben. Allerdings bloß nicht mit den eigenen Kindern, wenn es den Konflikt mit dem Vater oder der Mutter der Kinder gibt! Das ist tabu. Lieber mit jemand Außenstehendem, der oder die nicht unedingt etweas mit dem Konfliktpartner/-in zu tun hat.

Nettikette in der Beratungsarbeit

Das Wort stammt aus dem Umgang im sogenannten sozialen Netz. Ich finde es witzig und ja auch eine passende Bezeichnung. Man muss nun nicht immerzu nur „nett“ sein – das meine ich nicht. Aber auch nicht unhöflich, beleidigend und natürlich schon gar nicht abwertend.

Auch in der Beratungsarbeit gibt es Regeln im Umgang miteinander. Dazu gehört z.B. die Verabredung und die Einhaltung von Terminen. Dazu gehört auch, dass Termine abgesagt werden, wenn sie nicht eingehalten werden können. Und das auch möglichst rechtzeitig. Außerdem müssen abgesagte Termine bezahlt werden, wenn die Absagen zu spät kommen. Denn die Beraterin lebt ja von ihrer Arbeit. Sie (er natürlich auch) muss den Raum bezahlen, die Supervision bezahlen, die Krankenkasse, die Haftpflichtversicherung, die Fortbildungen etc etc – auch wenn die vereinbarten Termine kurzfristig abgesagt und nicht nachbesetzt werden können.

Zur Nettikette im Umgang gehört z.B. dann auch, nicht beleidigt zu sein, wenn die Beraterin dann  wirklich und wahrhaftig das Ausfallhonorar in Rechnung stellt, das vereinbart wurde!

Und  ganz wichtig ist es, sich zu verabschieden, wenn das Paar bzw. die KlientIn entschieden hat, die Beratung oder Therapie zu beenden. Das kann notfalls auch telefonisch geschehen. Besser und schöner ist es aber, ein Abschlussgespräch zu führen. Das ist für beide Seiten gut:

Für die Klienten, indem sie noch mal Revue passieren lassen: wie sind wir her gekommen? Was hat sich verändert? Wie haben wir das geschafft? Was hat geholfen während der Therapie? Das gibt Selbstvertrauen; „Wir schaffen es, auch aus einem Tief heraus zu kommen!“

Aber auch für die BeraterIn ist ein Abschlussgespräch gut und nützlich: was ist wie angekommen? Fühlten sich die KlientInnen unterstützt? Wodurch? Womit aber vielleicht auch nicht? Wie sehen die Klienten ihren Veränderungsweg? Habe ich sie wirklich verstanden?

Noch ein anderes Thema sind die Terminvereinbarungen: wegen der Schwierigkeit, sich telefonisch zu erreichen, gibt es öfters Terminwünsche bzw -vorschläge per AB, Mailbox, WhatsApp, sms oder Email. Ausgesprochen hilfreich und freundlich (aber auch wichtig) ist es, dann auch auf ein Terminangebot umgehend zu antworten und nicht tagelang damit zu zögern. Die BeraterIn/der Therapeut hat ja nicht nur einen Klienten sondern mehrere und muss jonglieren mit Terminen. Wenn ich dann großzügig oder auch leichtsinnig 3 Alternativen anbiete, dann ist klar, dass höchstens eine davon genommen wird. Die anderen werden dringend für andere Vereinbarungen gebraucht. Das kann ganz schön aufwendig und nervig werden, wenn dann mehrere Antworten längere Zeit ausstehen.

Zum Schluss aber: meistens klappt alles super! Da muss ich wirklich meine KlientInnen loben und mich herzlich für die meistens gute und verlässliche Zusammenarbeit bedanken!

 

 

Kontaktabbrüche – grausam aber wahr

Immer mal wieder kommt ein älteres Ehepaar zu mir mit der bitteren Klage, eines ihrer Kinder verweigere den Kontakt oder auch den Kontakt zu den Enkelkindern. Aber auch im Freundes- und Verwandtenkreis höre ich von solchen Ereignissen. Es kann sich dabei um ein befristetes Ereignis handeln – aber auch jahrelang dauern – womöglich niemals enden! In einem Fall hörte ich von dem Kontaktabbruch eines Bruders, der nicht einmal wollte, dass der Bruder zu seiner Beerdigung kommen durfte! Und dieser Bruder hat niemals erfahren, womit er diese Strafe verdient hatte. Ob es überhaupt eine Schuld seinerseits gab oder der Bruder ganz andere innere Gründe hatte, sich dauerhaft zurückzuziehen.

Die Betroffenen rätseln häufig, was denn wohl der Grund sein könne, ihnen quasi zu kündigen. Manche wissen es auch im Falle eines offenen Konfliktes. Dennoch schwer zu ertragen, wenn daraufhin jedes Versöhnungsangebot zurück gewiesen wird. Schlimmer aber doch wenn der/die Betroffene nicht erfährt, warum ihm so geschieht. Und jede Klärung verweigert wird. Solche Ereignisse können nicht vergessen werden.

Insbesondere bei nahen Verwandten bleibt eine Wunde, die so ohne weiteres nicht verheilen kann. Wie aber kann es gelingen, innerlich wieder frei zu werden, sich eventuell selber zu verzeihen? Denn eine abgebrochene Beziehung ist häufig auch mit Schuldgefühlen verknüpft: was habe ich bloß falsch gemacht – ist die quälende Frage.

Katharina Ley hat ein sehr schönes Buch dazu geschrieben, das auch Hilfen aufzeigt, wenn die andere Seite nicht zur Versöhnung bereit ist: Versöhnung lernen – Versöhnung leben. Wege zur inneren Freiheit. Es geht dabei auch um die Fähigkeit zu verzeihen, denn Wut und Groll vergiften nicht nur Beziehungen sondern auch den Verlassenen/die Verlassende selber. Es richtet sich also an beide Seite: den/die Unversöhnliche und den/die Ausgegrenzten.

Was wird aus den Kindern?

40 – 50 % der Ehen werden irgendwann wieder geschieden. Und sehr oft sind Kinder davon betroffen.

Manche denken, besonders die Scheidung trifft die Kinder und das sollte man ihnen doch nach Möglichkeit ersparen.

Stimmt! Wenn die Eltern eine hinreichend gute Ehe führen, gut Freund miteinander sind und ihre Konflikte in konstruktiver Weise ausfechten können!

Stimmt nicht, wenn über lange Zeit unproduktiver Streit, Lieblosigkeit, womöglich körperliche oder psychische Gewalt ausgeübt wird oder auch, wenn überwiegend eine feindselige, verächtliche Stimmung zwischen den Eltern dominiert.

Manche Paare suchen dann Unterstützung, z.B. bei einer Paarberatung. Andere nicht. Dann ist es irgendwann besser – auch für die Kinder, wenn sich das Paar trennt. Denn was sollen die denn in so einer Familie lernen? Jedenfalls nicht, wie man miteinander gut auskommen kann.

Im Falle einer Trennung ist es aber absolut wichtig, dass nicht die Kinder zu Schiedsrichtern gemacht werden, dass nicht auf dem Rücken der Kinder das Gezerre der Eheleute weiter geht und dass nicht der eine Elternteil von dem anderen verurteilt wird!

Der Kinderschutzbund hat einen sehr guten „Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung“ heraus gegeben. Die können Sie sich leicht über das Internet bestellen. Außerdem beraten die Erziehungsberatungsstellen. Sie helfen, gute Lösungen zu finden für die Zukunft der Kinder. Was ist für sie das Beste? Nicht der Egoismus der Eltern oder der Wunsch, dem anderen noch einen mitzugeben soll da entscheiden, sondern das Wohl der Kinder.

Das verzeih‘ ich dir nie!

Vergeben, sich versöhnen: es gibt kaum etwas, was schwieriger ist! Und doch kommt kein Mensch durchs Leben ohne mit Schuldfragen konfrontiert zu werden. Unversöhnlicher Groll ist bitter und macht unfrei. Wie oft höre ich den Satz: zu meinen Eltern (oder Geschwistern, oder einem ehmals sehr guten Freund) gibt es keinen Kontakt mehr! Oder: das kann ich meinem Mann/meiner Frau einfach nicht verzeihen. Diese Schuld steht zwischen uns.

Es ist aber so, dass durch den Kontaktabbruch nichts geheilt werden kann. Der Schmerz bohrt weiter, der Groll vergiftet das Leben auch ohne den ehemals geliebten Menschen zu sehen oder zu sprechen.

Was ist aber, wenn eine Seite sich versöhnen will – die andere das aber ablehnt? Wie lässt sich Versöhnung anbahnen? Und was heisst das eigentlich? Voraussetzung wäre die Bereitschaft, zu hören und anzunehmen, welchen Schmerz oder Kummer ich dem anderen gemacht habe. Oft ist ja auf beiden Seiten Schmerz und Verletzung da. Das ist bereits eine wichtige hohe Hürde. Es ist schwer zu ertragen, sich schuldig gemacht zu haben und wahrzunehmen, wie der andere darunter leidet. Und es ist schwer, die eigene Verletzlichkeit zuzulassen und zu zeigen. Wut und Empörung sind einfacher!

Und was ist mit unverzeihlichen Verletzungen – z.B. durch sexuellen Missbrauch? Oder mit Menschen, die bereits verstorben sind? Mit denen wir gar nicht mehr persönlich Kontakt aufnehmen können? Wie geht da Versöhnung bzw. Aussöhnung? Es heisst ja so etwas kryptisch: er/sie hat ihren Frieden damit gemacht. Wie geht das?

 

Frauen/Männer, die zu sehr lieben?

Derzeit lese ich das Buch von Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden. Auf englisch: Women who love too much. When you keep wishing and hoping he’ll change“. Der trifft es besser als der deutsche Titel.
Es wurde 1985 geschrieben und geht um die Frage, warum Frauen sich immer wieder Partner suchen, für die sie sich aufopfern und unter denen sie leiden – bis hin zu gewalttätigen Partnerschaften. Immer in der unerfüllten Hoffnung, sie könnten ihren Partner verändern.
Eigentlich geht es um helfen wollen und Kontrolle ausüben aus Angst, quälende negative Kindheitserfahrungen zu wiederholen. Eine Passage in dem Buch finde ich besonders berührend und wahr: „Niemand kann uns genügend lieben,………., solange wir uns nicht selbst lieben. Wenn wir mit unserer inneren Leere losziehen, um nach Liebe zu suchen, dann können wir nichts anderes finden als noch mehr Leere“.
Wie wahr. Und außerdem: einen anderen Menschen ändern zu wollen ist sowohl anmaßend als auch vergebliches Tun!

Lerncoaching

Ich habe mich von meinen bisherigen Themen mit dem letzten Eintrag (Olympia2024 fällt aus) offenkundig weg bewegt – allerdings hat mich das Thema auch sehr bewegt!

Nun aber zurück zum Coaching.Seit einiger Zeit coache/betreue ich ein Schulkind direkt an der Schule. Es handelt sich um die sog. Schulbegleitung. Diese Schulbegleitung beantragen Lehrerinnen/Lehrer für Schülerinnen bzw. Schüler, für die der alltägliche Schulbesuch :

  • nicht gewährleistet ist;
  • häufig am Tag früher beendet wird, als planmäßig vorgesehen –
    z.B. durch verschiedene Verhaltensweisen wie Regelverstöße aller Art;
  • durch verschüttete Ressourcen eine Qual ist, durch die sie nicht lernen können, sondern sich destruktiv verhalten
  • von den Erziehungsberechtigten und den Lehrerinnen und Lehrern nicht verlässlich gewährleistet werden kann. (Letztere müssen sich auch noch um viele anderen Kinder kümmern; erstere haben teilweise z.B. selber Probleme mit der Verlässlichkeit).
    Dies sind nur ein paar Aspekte einer komplexen Sachlage. In den folgenden Berichten wird exemplarisch deutlich um was es u.a. geht und wie ich als Schulbegleiter für das jeweilige Kind agiere.

Ich begleite L. Das ist ein – wie man so schön sagt – aufgewecktes Kind von 10 Jahren; schnell in seiner Auffassung, kooperativ, kann aber durchaus eine Gruppe domieren, ist manchmal schüchtern und in sich gekehrt, manchmal sehr aktiv, und mobil, neugierig, beliebt. – Das ist die eine Seite… .
Ich erlebe es (ich verwende die neutrale Form, um Anonymität zu gewährleisten) aber auch vollkommen „verwandelt“: aggressiv allen und allem gegenüber, tobend, verweigernd, fast „rasend“, spuckend. Es haut ab, auch wenn gesagt wird, alle bleiben hier; die Konzentration für eine Schulaufgabe reicht in guten Zeiten für max. 10 Minuten, in schlechten kommt nichts zustande. Die Tendenz geht leider noch zu den schlechten Zeiten.

Als ich L. am ersten Tag begrüßte, kroch es in den Mantel der Mutter und nölte: Den will ich nicht! Ok, damit hatte ich gerechnet – wer will schon einen dauerhaften Begleiter in der Klasse und auf dem Schulhof? Ich hielt freundlich Abstand und es brauchte zwei Wochen mit je drei Tagen, an denen ich immer einige Stunden in der Schule war, bis ein wenig Vertrauen entstanden war.

Doch was passierte noch in den zwei Wochen?  Die Klasse besteht aus 7 Kindern, 6 jungen, ein Mädchen. Alle ! sind in unterschiedlicher Intensität hoch empfindlich, „müssen“ sich permanent gegen Konkurrenz (incl. der Lehrkraft) verteidigen. Gleichzeitig ist permanent das Bedürfnis nach Freundschaft. Drei der Jungen spielen miteinander und streiten miteinander – eigentlich ganz normal…allerdings ist der Streit i.d.R. sehr laut und verbal so beleidigend, dass es ziemlich schnell zur Androhung körperlicher Gewalt kommt, wozu dann ältere Brüder, Onkels, Väter etc. in`s Spiel gebracht werden, die nach der Schule die Mitschüler „töten“ werden. In den Unterrichtsstunden geht es ähnlich zu und die Versuche, Konflikte zu besprechen und zu klären gehen meistens im durcheinander Schreien, weiteren Bedrohungen und lügenhaften Schutzbehauptungen unter.

So weit eine Eineitung. In diesem Rahmen der Ereignisse geht es beim Lerncoaching/bei meinem Verständnis von Schulbegleitung: Ich arbeite für das jeweilige Kind mit dem Kind. Ein Ziel – von mir benannt und sicher im Kontext Schule auch sinnvoll – ist: Die Ressourcen des Kindes (hervor)zufördern bzw. zu stärken. Ressourcen, die für eine konstruktive, erfolgreiche Entwicklung in der Schule förderlich sind.

In einigen folgenden Episoden werde ich berichten, was passiert.

Es ist viel passiert – ich habe in eine Welt Einblick erhalten, die mir bisher ziemlich fremd, unbekannt war. Ich hatte zu tun mit Kindern, die zwar auch spielen, sich unterhalten – aber die sich vornehmlich bekämpfen. Tja, auf dem Schulhof, war eine permanent latente oder sogar offene Aggressivität, es gab an jedem Tag, an dem ich dort war einen mehr oder weniger heftigen Streit, der immer durch die Lehrerinnen bzw. Lehrer beruhigt werden musste. In der Klasse, in der das von mir zu begleitende Kind war bzw. ist, gab es eigentlich Unterricht nur in sehr geringem Maße. Meistens stritten sich zwei oder drei und die anderen wurden von der Dynamik angesteckt und machten dann auch mit – die Lehrkraft hatte sehr große Mühe die Kinder zu beruhigen. UND DAS LAG NICHT AN DER LEHRKRAFT! Die Kinder sind es nicht gewohnt, Anordnungen zu folgen, im Gegenteil, ich machte die Beobachtung, dass sie sich geradezu herausgefordert fühlten, erst recht dann destruktiv weiter zu machen. (Hin und wieder hatte ich die Phantasie von einer Gummizelle, in der sie sich bedingungslos bis zur körperlichen Erschöpfung ausraufen und austoben könnten.)

A propos Anordnung: Auf den Hinweis, die Jacke dort hin zu hängen, wo sie hin gehört und dann die blaue Mappe zu nehmen, kam die typische Reaktion eines 10 Jährigen: Halt die Fresse; ein weiterer lachte und sagte zur Lehrerin: du hast keine Ahnung, mach doch selber. Dazu brüllte ein Mädchen einen anderen Jungen an: Ich bring dich um, worauf der angebrüllte zu ihr lief und sie schlagen wollte, was ich durch Festhalten des Jungen verhinderte, worauf er schrie: Lass mich los, du Vogelfresse, ich zeig dich an!

Fortsetzung folgt.

Ich stutzte – rauhe Töne kannte ich aus meiner Jugend, unter Jugendlichen , auch unter Erwachsenen. Dies war für mich etwas Neues. Nach kurzem Stutzen, kam von mir: Halt die Klappe, selber Vogelfresse. Kurze Zeit verstummte mein zu Betreuender und auch die anderen Kinder waren von ihrem gegenseitigen Bepöbeln kurz abgelenkt. Ich war stinkesauer und hatte auf einmal keine Lust mehr mich mit diesem Milieu weiter zu beschäftigen; ich wäre gern auf der Stelle gegangen, nicht ohne jedem der Unverschämten einen an die Backe zu hauen – nun gut Pädagogik geht anders, auch bzw. gerade Sonderpädagogik. Ich „schluckte“ meine Wut, die Lehrkraft erhob die Stimme, man war ruhig, bis einer wieder anfing Geräusche abzusondern, von denen ein anderer brüllend behauptete: S. hat geforzt, worauf das gruselige Getöse wieder begann. L. war dann auf einmal ganz ruhig und schien erschöpft; ich machte den Versuch ihn zu einem Gespräch oder Spaziergang zu bewegen, jedenfalls außerhalb des Klassenraumes zu sein. L. reagierte nicht, murmelte nur kaum hörbar: Lass mich und versteckte den Kopf so gut es ging zwischen/unter den Armen. Parallel dazu hatte ein anderes Kind  einen Monolog  begonnen: Das is doch eine scheißschule, die Lehrer sind voll scheiße, habn keine Ahnung, Frau X , Sie sind doch blind usw.

Einige Zeit ist vergangen; das Blog (zumindest mein Teil) lag unbeachtet rum. Von den o.g. Fällen hatte ich gründlich genug – um nicht zu sagen die Schnauze voll. Ich habe meinen Vertrag gekündigt und mich verabschiedet. Allerdings habe ich dem Schulleiter eine umfassende Begründung hinsichtlich der – gelinde gesagt – nicht förderlichen Bedingungen in der geschilderten Gruppe gegeben. Ich nehme an, dass sich die Schülerin und die Schüler spätestens dann beruhigen werden, wenn sie nicht mehr die Jüngsten in der Gemeinschaft sind.

Ich mache nun wieder ausschließlich Einzelcoaching mit Schülerinnen bzw. Schülern (SuS) und das ist für Coach und Coachees eine gelingende Angelegenheit. Mir sagte neulich ein ehemaliger Schulleiter, dass Lerncoaching DIE sinnvolle Unterstützung für Schülerinnen und Schüler sei – mein Reden seit langem. Der Komplexität des Schulalltags können sicher viele SuS (mehr oder weniger) entsprechen, jedoch zeigen Ergebnisse von Lehrercoaching, dass Lehrerinnen und Lehrer mit dem aus dem Coaching gewonnenen Erkenntnissen die Kinder und Jugendlichen weitaus förderlicher unterrichten als andere. Allerdings bedeutet das Unterrichten NACH Erfahrung mit dem Coaching auch eine Veränderung der schulischen Gegebenheiten.

Ein Lehrer erzählte mir von seinen Klassen an einer Stadtteilschule in Hamburg, in denen Schüler säßen, die sich nur schwer im üblichen traditionellen Unterricht angepasst verhalten könnten. Er und KollegInnen  hätten sich ein vollkommen verändertes Verhalten ihrerseits verschrieben:

Sie begrüßten z.B. die SuS zu Beginn der Stunde persönlich und wechselten kleine Begrüßungssätzchen, die sie sich vorher – für jede/n SuS überlegt hätten. Nach einigen Irritationen, die bei den SuS durch Verwunderung über dieses Verhalten ausgelöst worden wären, was aber von Beginn an auf Zustimmung gestoßen sei, habe sich dieses Ritual zur gegenseitigen Würdigung / Wertschätzung entwickelt, was nicht nur die folgende Unterrichtsstunde, sondern  die Gesamtstimmung im Kontakt SuS und Leher postiv beeinflusst habe.

Regelverletzungen seine weniger geworden, Klärungen von Regelverstößen seien wesentlich entspannter und verständnisvoller (im Sinne von verstehen/einsehen des eigenen Fehlverhaltens und der Notwendigkeit der Sanktionierung durch den Lehrer) verlaufen.

 

 

Hilfe! Weihnachten naht!

Weihnachten – das Fest der Liebe! Oder vielleicht auch in manchen Fällen: das Fest der Hiebe?
Bei keinem anderen Fest des Jahres gibt es eine so hohe Erwartung an Harmonie: Frieden auf Erden – aber ganz besonders in der Familie. Die Kinder haben Ferien, die Verwandten hohe Erwartungen: keiner soll allein und unberücksichtigt bleiben. Die Geschenke müssen stimmen und – vor allem – auch rechtzeitig da sein. Das Gefühl, große Verpflichtungen zu haben und der Wunsch, es möglichst allen recht zu machen ist weit verbreitet.
Kein Wunder, dass es manchen Menschen ein bisschen graut vor dieser Zeit! Was können wir tun, um Entlastung zu schaffen? Wie können wir Nischen für uns finden, in der wir zur Besinnung kommen?
Eine wichtige Maxime könnte sein: setzen Sie sich mit Ihren Liebsten zusammen und überlegen Sie gemeinsam: was möchten wir dies Jahr anders machen als in den vorigen? Wann und wie kann jeder auch an sich denken und Pause machen? Welche vermeintlich unvermeidlichen Pflichten könnten wir vielleicht doch mal infrage stellen? Wichtig ist dabei: machen Sie das rechtzeitig – bevor Sie das Geschehen überrollt und Sie keinen Einfluss mehr darauf haben!