Herbst von Theodor Storm (1817-1888)

Ja – auch der Herbst ist fast vorbei. In zwei Wochen beginnt laut Kalender der Winter. Bis Februar bleibt es kalt und grau draußen. Schnee ist ja selten geworden in unseren Breiten. Dieses Gedicht hat eine hoffnungsvolle Abschiedsstimmung meine ich und gefällt mir daher sehr.

Schon ins Land der Pyramiden

Flohn die Störche übers Meer;

Schwalbenflug ist längst geschieden,

Auch die Lerche singt nicht mehr.

 

Seufzend in geheimer Klage

Streift der Wind das letzte Grün;

Und die süßen Sommertage,

Ach, sie sind dahin, dahin!

 

Nebel hat den Wald verschlungen,

Der dein stillstes Glück gesehn;

Ganz in Duft und Dämmerungen

Will die schöne Welt vergehn.

 

Nur noch einmal bricht die Sonne

Unaufhaltsam durch den Duft,

Und ein Strahl der alten Wonne

Rieselt über Tal und Kluft.

 

Und es leuchten Wald und Heide,

Daß man sicher glauben mag,

Hinterallem Winterleide

Lieg‘ ein ferner Frühlingstag.