Eltern sein – Paar bleiben

 

In meinem Berufsleben begegnen mir im ländlichen Raum  bei den meisten Eltern oft nach wie vor die alten Rollenmodelle: „Wir wollten es so! Ich (Frau) bleibe zu Hause – er (Mann) verdient das Geld.“ Später – wenn die Kinder größer oder schon fast flügge sind – nimmt die Frau dann einen unterbezahlten Minijob an morgens in der Bäckerei. Leider fördert gerade in Niedersachsen der Staat nach wie vor diese Aufteilung: die Kinder bekommen keine ganztägige und kostenlose Betreuung; die Schulen erwarten, dass ein Elternteil nachmittags mit den Kindern lernt; in den Gymnasien – höre ich – kommt ein Kind nicht weit, wenn nicht ein Elternteiol regelmäßig mit ihm arbeitet. Dazu die Herumfahrerei von und zum Sport, Reiten, Musikmachen. Da kommt Veränderung nur äußerst schleppend in Gang.

Dieses Modell hat erhebliche Nachteile, wenn es zu Trennungen und Scheidungen kommt – für beide Seiten! Und auch für die Kinder. Und die Scheidungsraten sind auch im ländlichen Raum kaum kleiner als in den Städten.

Bei jungen Eltern wächst die Erwartung, dass sich beide Seiten beteiligen an der Kinderbetreuung, dem Haushalt und auch an der beruflichen Entwicklung. Das macht das Leben nicht unbedingt einfacher – weil deutlich mehr koordiniert werden muss. Es kommt zu anderen Konflikten als bei den Paaren, die eine strikte Aufgabenteilung leben. Bei den „alten“ Lebensformen besteht die Hauptgefahr, das sich das Paar auseinanderlebt – weil die Partner in grundverschiedenen Welten leben und sich nur noch schwer vermitteln können. Nach einigen Jahren ist das Paar „verschwunden“. Es gibt nur noch Eltern und Familie.

Die „neuen“ Lebensformen haben ein höheres Konfliktpotential – langfristig aber für beide bessere Chancen: beide haben gute und enge Beziehungen zu den Kindern und sind nah dran an deren Sorgen und Entwicklungsschritten, kennen die Lehrer (im guten Fall) und die Freunde; beide verdienen Geld und so behält auch die Frau die finanzielle Unabhängigkeit. Berufliche Entwicklungen, die Kooperation mit KollegInnen, Weiterentwicklungen in der Lebenswelt: davon sind beide positiv und negativ betroffen.

Allerdings: von nichts kommt nichts! Meistens setzt dieses Modell die Entschlossenheit Beider voraus, Gerechtigkeit herzustellen. Das ist schwer angesichts eines „gendergap“ mit Gehaltsunterschieden bis zu 22 % bei gleicher Befähigung und der Einstellung vieler Arbeitgeber gegenüber Frauen mit Kindern. Es erfordert intern die Bereitschaft der Männer beruflich zurück zu stecken. Ellenlange Arbeitstage sind dann nicht möglich. Statt dessen Kinderkrankentage paritätisch zur Frau! Das wird hart. Und für die Frau: sie hat nicht immer recht; sie ist nicht die alleinige Expertin und die Hauptansprechpartnerin und Chauffeurin der Kinder! Das heisst Verantwortung abgeben!

Nicht leicht! Gar nicht leicht. Daher dauert es lange, bis sich das verändert. Aber ich wünsche allen Paaren Mut, es zu probieren und nicht so schnell aufzugeben! Es könnte sich lohnen – auch für die Beziehung!