Archives

Krankheit und Familie

Nicht wenige Paare und Familien haben besondere Aufgaben zu meistern durch die Krankheit eines Familienmitglieds. Dabei geht es sowohl um chronische, z.T. lebensgefährliche Erkrankungen – aber häufig auch um eine psychische Erkrankung eines Partners. Dadurch verändert sich oft in hohem Maße das Gleichgewicht in der Familie. Der gesunde Partner kann nicht mehr wie zuvor damit rechnen, dass die oder die andere ihren vorher eindeutigen Anteil am Gelingen des Familienlebens übernehmen kann. Dadurch steigt einseitig die Belastung – machmal über das erträgliche Maß hinaus. Der oder die andere hat häufig genau deswegen Schuldgefühle und sieht sich ständig unter Rechtfertigungszwang.

Die Kinder sind ebenso konfrontiert mit der Frage: Was kann ich von Mama/Papa überhaupt erwarten? Was kann ich fragen? Wo kann ich helfen? Ist es heute anders als gestern? Und morgen?

Es ist eine hohe Kunst, wenn Paare in solchen Situationen – die sich ja über Jahre hinziehen können – es schaffen, ein neues Gleichgewicht herzustellen, nicht dem oder der anderen die Schuld zu geben, miteinander im Gespräch zu bleiben. Eine Klientin meinte einmal: „Ich hasse diese Krankheit – aber dich habe ich lieb!“

Sehr hilfreich ist natürlich, wenn diese Familien nicht allein auf sich gestellt sind, sondern ein Netz haben aus Freunden und Verwandten, die immer wieder einmal unterstützen und entlasten. Das ist zum Einen Glücksache – Familien wohnen ja oft weit entfernt von ihren Verwandten – zum anderen aber auch die Fähigkeit zum Netzwerken. Manche sind da sehr begabt – andere haben das nicht so entwickelt. Einiges kann man aber lernen: mal die Nachbarn fragen, Selbsthilfevereine anzapfen, sich einer Gruppe anschließen.

Ich habe jedenfalls großen Respekt vor Paaren, die neben dem, was heute an Anforderungen an Familien gestellt wird, zusätzlich lernen müssen mit Krankheit in ihrer Mitte umzugehen!

Kontaktabbrüche – grausam aber wahr

Immer mal wieder kommt ein älteres Ehepaar zu mir mit der bitteren Klage, eines ihrer Kinder verweigere den Kontakt oder auch den Kontakt zu den Enkelkindern. Aber auch im Freundes- und Verwandtenkreis höre ich von solchen Ereignissen. Es kann sich dabei um ein befristetes Ereignis handeln – aber auch jahrelang dauern – womöglich niemals enden! In einem Fall hörte ich von dem Kontaktabbruch eines Bruders, der nicht einmal wollte, dass der Bruder zu seiner Beerdigung kommen durfte! Und dieser Bruder hat niemals erfahren, womit er diese Strafe verdient hatte. Ob es überhaupt eine Schuld seinerseits gab oder der Bruder ganz andere innere Gründe hatte, sich dauerhaft zurückzuziehen.

Die Betroffenen rätseln häufig, was denn wohl der Grund sein könne, ihnen quasi zu kündigen. Manche wissen es auch im Falle eines offenen Konfliktes. Dennoch schwer zu ertragen, wenn daraufhin jedes Versöhnungsangebot zurück gewiesen wird. Schlimmer aber doch wenn der/die Betroffene nicht erfährt, warum ihm so geschieht. Und jede Klärung verweigert wird. Solche Ereignisse können nicht vergessen werden.

Insbesondere bei nahen Verwandten bleibt eine Wunde, die so ohne weiteres nicht verheilen kann. Wie aber kann es gelingen, innerlich wieder frei zu werden, sich eventuell selber zu verzeihen? Denn eine abgebrochene Beziehung ist häufig auch mit Schuldgefühlen verknüpft: was habe ich bloß falsch gemacht – ist die quälende Frage.

Katharina Ley hat ein sehr schönes Buch dazu geschrieben, das auch Hilfen aufzeigt, wenn die andere Seite nicht zur Versöhnung bereit ist: Versöhnung lernen – Versöhnung leben. Wege zur inneren Freiheit. Es geht dabei auch um die Fähigkeit zu verzeihen, denn Wut und Groll vergiften nicht nur Beziehungen sondern auch den Verlassenen/die Verlassende selber. Es richtet sich also an beide Seite: den/die Unversöhnliche und den/die Ausgegrenzten.